Jo Ho

Piratenhöle

 

Als ich die Höhle betrat, roch es nach Salz und nach Fisch, nach vermoderndem Tang und vermodernden Leichen. Meine Fackel vermochte nicht annähernd den ganzen Raum zu erhellen und so stolperte ich, in der einen Hand die Fackel, in der anderen meinen Degen, langsam ins Innere. In der Finsternis tauchten die Umrisse drei nebeneinander liegender Toter auf und in ihrer Mitte die Truhe. Diese Truhe, worum sich alles dreht, immerzu und immerfort!

 

Die drei Männer, alle aus meiner Crew, waren nur noch an ihren Kleidern zu erkennen. Jack der Buggeier mit seinen hohen schwarzen Lederstiefeln, der Barbier mit seiner roten englischen Jacke, die er sich eng um den Leib gebunden hatte, und natürlich René die Zwiebel, dieser dreckige stinkende Franzose, der im Tod kaum schlimmer stank als lebend, trug seine vergammelte französische Uniform. Tja, aber einer fehlte. Ein Vierter dieser meuternden und mordenden Saukerle fehlte.

Die Kiste war noch verschlossen und vor der Höhle war das Beiboot verankert. Er war also noch irgendwo hier. Ich fasste den Degen fester und leuchtete mit der Fackel wedelnd, um sie etwas anzufeuern, tiefer in die Höhle. Ach, die Sorgen verflogen, als ich Thomas den Hamburger mit einem sägeblättrigen Kurzschwert in der Brust steckend im Dunkel auf dem Rücken liegen sah. Also hatte ihn der Barbier erwischt.

 

Als ich mir die vier Toten so ansah, war mir auch schnell klar, was passiert war. Sicher wollte jeder den Schatz für sich haben. Der Barbier tötete den Hamburger, der vorher dem Barbier seinen Degen in die Brust gerammt hatte. Der Franzose lag mit gespaltenem Schädel da, also auch vom Barbier getötet, und der Buggeier hatte scheinbar mit dem Langmesser des Franzosen Bekanntschaft gemacht, denn nicht nur, dass sein Lächeln doch recht breit geraten war, hatte er noch ein solches unterhalb des Kinns.

 

«Wundervoll!», dachte ich und öffnete die Kiste mit meinem Schlüssel. Alles noch da. Ich fragte mich, was die vier wohl sagen würden, wenn sie wüssten, dass sie nicht die Kiste mit dem Gold, sondern die mit der von Nelson persönlich signierten Kanonenkugel, einigen Büchern, Karten und Souvenirs geklaut hatten.

 

 

 

Bild aus der Serie «Garderobe», weisses Hemd an Garderobe, Langzeitbelichtung

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