Interview with a Ghost

Alter Geist

 

Da stand ich gerade im Garten und freute mich über eine Wolke, die der Sonne, wenn auch nur für Sekunden, einen Riegel vorschob, als ich plötzlich am Zwetschgenbaum einen Geist stehen sah. «Hm», dachte ich, «mitten am Nachmittag?» Äusserst seltsam, nicht wahr?

 

Ich grüsste ihn mit einem knappen «Hallo!». Ihr wisst, zu Geistern sollte man stets unverbindlich sein. Weder zu freundlich noch unfreundlich, einfach so viel wie nötig, aber nicht mehr. Warum, wollt ihr wissen? Nun, weil sie, wenn ihr zu freundlich seid, ins Schwätzen kommen, und das kann bei einem Geist, der vielleicht hundert Jahre mit keinem mehr gesprochen hat, recht nervig sein.

Seid ihr aber zu unfreundlich, dann macht er sich vielleicht einen Spass daraus, euch ein bisschen zu quälen.

 

Sein weisses Leichengewand flatterte etwas im Wind und ich spürte, dass wenn ich seinen Kopf sehen könnte, er mich nun ansähe. Ich sah aber nichts. Er hatte keinen Kopf. Auch keine Arme oder Beine. Bloss das weisse, knielange Gewand, das sich um einen unsichtbaren Körper schmiegte.

Eine Unterhaltung war also nicht möglich. Schade, denn das, was Geister einem erzählen können, wenn sie denn mit einem sprechen, ist manchmal doch recht lustig.

Ich zog also meine Kamera hervor, die ich zum Glück immer bei mir habe, und knipste den unbekannten Geist. Schickte dem Klick der Kamera noch ein beiläufiges «Schöne» hinterher, drehte mich um und ging. Als ich aus dem Fenster schaute, stand er noch da, drehte sich dann ebenfalls um, und während er in Richtung der Kirschbäume ging, verblasste er und war dann unsichtbar.

 

Wer das wohl war, frage ich mich, und ob ich ihn jemals wiedersehe?

 

 

 

Kommentare

Kommentar schreiben



(Ihre E-Mail-Adresse wird nicht angezeigt.)


Ungültiger Sicherheitscode

Bitte klicken Sie das Bild an, um einen neuen Sicherheitscode zu laden.